Stigmatisierung als Hindernis für Suchterkrankte

13. Mai 2024: Sitzung des Suchtarbeitskreises Regensburg

Regensburg (RL). Der Begriff der Stigmatisierung im Kontext von Suchterkrankungen ist ein komplexes und kontroverses Thema. Anti-Stigma-Ansätze betonen, dass Stigmatisierung als Barriere für den Zugang zu angemessenerer Behandlung und Unterstützung angesehen und überwunden werden muss. Diese Thematik stand im Mittelpunkt der 90. Plenumssitzung des Suchtarbeitskreises Regensburg, die vor kurzem im Regensburger Landratsamt stattgefunden hat.

 

Die stellvertretende Vorsitzende Helga Salbeck begrüßte dazu zahlreiche Interessensvertreterinnen und

-vertreter sowie die Gastredner Prof. Dr. Ulrich Frischknecht, Professor für Sucht und Persönlichkeitspsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, sowie Anita Honderboom und Miriam Nasri vom Projekt „In Würde zu sich stehen“.

 

Formen des Stigmas von Suchterkrankten

Die Stigmatisierung von Suchterkrankungen zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Internes (Selbst-) Stigma führt zu einer negativen Selbstwahrnehmung und einem verminderten Selbstwertgefühl bei Betroffenen. Die Kennzeichnung als suchtkrank wird demnach oft vermieden, um der Stigmatisierung zu entgehen, was zur verzögerten Suche nach Behandlung führen kann. Strukturelle Stigmatisierung von Suchterkrankungen äußert sich in unzureichender somatischer Abklärung in Notaufnahmen, herablassender Behandlung, sozialem Rückzug und der Zuschreibung schlechterer Arbeitsfähigkeit.

 

Prof. Dr. Ulrich Frischknecht erklärte in seinem Vortrag, dass Stigma in Bezug auf Sucht nicht einheitlich sei, sondern durch Faktoren wie Geschlecht, Bildungsniveau und sozioökonomischen Status beeinflusst wird. Unterschiedliche Stereotypen und Vorurteile gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen trügen zur Komplexität des Stigmatisierungsphänomens bei.

 

Bewältigung von Stigma

Um dieser komplexen Problematik entgegenzuwirken, betonte Prof. Dr. Ulrich Frischknecht die Bedeutung von Bildungs- und Aufklärungskampagnen zur Reduktion von Stigma. Potenzial sieht er hier in den Medien, die eine große Rolle bei der Verbreitung und Verfestigung von Stigmatisierungen rund um Suchterkrankungen spielen, jedoch gleichzeitig als Plattform für gezielte Kampagnen dienen können. Es sei von großer Bedeutung zu erkennen, dass das Stigma von Suchterkrankungen nicht nur isolierend wirken könne, sondern auch die Betroffenen weiter stigmatisiere und den Zugang zu Hilfsangeboten erschwere. Besonders herausfordernd sei dabei die Tatsache, dass Suchterkrankungen oft als moralisches Fehlverhalten betrachtet würden, was zu einer zusätzlichen Belastung durch Schuldzuweisungen führe.

 

Durch Edukation und Aufklärung in den Medien, der Förderung einer stigmabewussten Sprache, dem direkten Kontakt mit Betroffenen sowie der Verbreitung von Wissen über den Abbau des Selbststigmas, sieht er einen Ausweg aus dem komplexen Netzwerk von Ursachen und Folgen der Stigmatisierung von Menschen mit Suchterkrankungen.

 

„In Würde zu sich stehen“

Im Rahmen des Themas Stigmatisierung wurde zudem das Programm „In Würde zu sich stehen“ von Anita Honderboom vorgestellt. Hierbei handelt es sich um ein von Betroffenen geleitetes Selbsthilfeprogramm zur Bewältigung von Stigma für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Es richtet sich an Betroffene und unterstützt sie dabei, Eigen- und Fremdstigmatisierung zu erkennen und diese zu reflektieren. Zudem wird mit verschiedenen Methoden erarbeitet, wie und in welchem Umfang sie ihre Erkrankung offenlegen und wie sie ihre persönliche Geschichte kommunizieren können. Die Wirksamkeit dieses Angebots wird im Rahmen einer Studie erforscht.

 

Weitere Infos zum Angebot „In Würde zu sich stehen“: www.iwsprogramm.org/ziel/

Infos zum Suchtarbeitskreis Regensburg: www.suchtinfo-oberpfalz.de

 

Hilfe bieten die regionalen Suchtberatungsstellen: